Die psychotherapeutische Praxis eröffnet im August 2026.
Forschung & Werkzeuge

Der FIRA Fragebogen

Das Fuente Interpersonal Relationship Assessment ist ein neuartiges klinisches Werkzeug zur Charakterisierung der emotionalen Atmosphäre in der therapeutischen Beziehung — entwickelt für die klinische Reflexion, Supervision und Forschung.

Zum Abschnitt:
Überblick · Hintergrund · Funktionsweise · Versionen · Anwendung · Forschung · Downloads

Überblick

Was ist der FIRA?

Die meisten bestehenden Instrumente zur Erfassung der therapeutischen Beziehung teilen eine gemeinsame Grundannahme: Sie fragen danach, ob eine bestimmte Beziehung dem therapeutischen Ergebnis zuträglich ist, und liefern ein quantitatives Maß dafür, wie förderlich sie für den Patienten sein könnte. Dieser Ansatz hat seine Berechtigung, lässt jedoch viele qualitative Nuancen unberücksichtigt.

Der FIRA geht einen anderen Weg. Anstatt die therapeutische Beziehung an einem Ergebnismaß zu messen, nutzt er archetypische Situationen, die sich im Behandlungsraum manifestieren können, und fragt sowohl den Patienten als auch den Therapeuten nach ihrer Wahrnehmung der Atmosphäre in diesen Momenten. Aus einer Auswahl von 24 archetypischen Beschreibungen können beide Seiten die Stimmung im Raum charakterisieren.

Der FIRA ermöglicht Therapeuten dreierlei:

Selbstreflexion des Therapeuten. Die eigene Erfahrung der therapeutischen Beziehung in Worte zu fassen ist in der zeitgenössischen Psychotherapie keineswegs selbstverständlich. Analytisch orientierte Praktiker greifen auf Übertragungs- und Gegenübertragungsreaktionen zurück, doch selbst diese Gruppe wird selten die Atmosphäre zwischen sich und dem Patienten in den Mittelpunkt stellen — die qualitativen Aspekte der Beziehung an sich.

Gemeinsame Erfahrung erfassen. Der FIRA hilft dem Therapeuten einzuschätzen, inwieweit der Patient die Erfahrung der therapeutischen Beziehung teilt. Die Erwartung ist nicht, dass beide Seiten identische Ergebnisse liefern, wenn die Behandlung gut verläuft. Vielmehr können die im FIRA sichtbar werdenden Unterschiede dazu beitragen, den Patienten besser zu verstehen und unbewusste Beziehungsdynamiken ans Licht zu bringen.

Schwierige Beziehungserfahrungen sichtbar machen. Der Patient — oder auch der Therapeut — mag bestimmte Situationen im klinischen Setting als unangenehm oder beunruhigend erlebt haben: als Erinnerung an traumatische Ereignisse, verletzende Beziehungsmuster oder schwierige Gefühle wie Schuld, Bedauern oder Scham. Der FIRA kann solche Erfahrungen dort sichtbar machen, wo sie sonst unbemerkt geblieben wären.

Anstatt eine Beziehung als etwas zu verstehen, das zwei Menschen einander antun, begann ich, sie als ein Feld zu begreifen, in das beide eintreten — und das ihre Prozesse bewegt und formt, sowohl einzeln als auch gemeinsam. Nathan Schwartz-Salant
Theoretischer Hintergrund

Die therapeutische Beziehung als „Dritter Bereich"

Der FIRA gründet auf einem bestimmten Verständnis der therapeutischen Beziehung: dass sie mehr darstellt als die Summe ihrer zwei Beteiligten. In Anlehnung an die Arbeit des Jungianer Nathan Schwartz-Salant begreift der FIRA die Beziehung zwischen Therapeut und Patient als ein „interaktives Feld" — einen gemeinsamen, liminalen Raum mit eigenen Qualitäten, in dem Transformationsprozesse stattfinden können.

Diese Vorstellung von der Beziehung als einer „dritten Entität" — unabhängig von jedem der beiden Beteiligten — findet eine bemerkenswerte Entsprechung im Konzept des astrologischen Composit, wie es die Psychoanalytikerin und Astrologin Liz Greene entwickelt hat. Ihre Charakterisierung des Composit erfasst die archetypischen Qualitäten des Raumes zwischen zwei Menschen und behandelt die Beziehung selbst als eigenständige Einheit mit eigenem Charakter. Sowohl Schwartz-Salant als auch Greene betrachten diesen „dritten Bereich" als den Ort, an dem persönliche Transformation möglich wird — für beide Beteiligten.

Diese theoretischen Grundlagen bilden das Fundament der dem FIRA zugrunde liegenden Studie. Durch die Anwendung archetypischer Prinzipien aus diesem Rahmen ermöglicht der FIRA eine nuancierte, qualitative Charakterisierung der spezifischen Atmosphäre einer therapeutischen Beziehung — ohne sie auf eine einzige Kennzahl oder eine Ergebnisprognose zu reduzieren.

Die 12 Archetypen aus der psychologischen Astrologie verleihen dem FIRA ein strukturiertes, moralisch neutrales Beschreibungsvokabular. Anders als die meisten bestehenden Instrumente bewertet der FIRA nicht, ob eine Beziehung „gut" oder „schlecht" ist — er charakterisiert, wie sie sich anfühlt.
Funktionsweise

Wie der FIRA funktioniert

Der FIRA stellt 12 archetypische klinische Situationen vor. Für jede davon wählen Patient und Therapeut unabhängig voneinander die Antwort, die die Atmosphäre am besten trifft, die sie mit dieser Art von Moment im Behandlungsraum verbinden.

Die 12 Situationen

  • 1

    Lebhafter Austausch

    Wenn Therapeut und Patient in lebhaftem Gespräch miteinander stehen

  • 2

    Wichtige Werte

    Wenn darüber gesprochen wird, was dem Patienten im Leben wichtig ist

  • 3

    Humorvoller Austausch

    Momente des Scherzes und der Leichtigkeit in der Therapie

  • 4

    Familie

    Gespräche über die Herkunftsfamilie oder die aktuelle Familie des Patienten

  • 5

    Alltag

    Hobbys, Kinder und die Textur des täglichen Lebens

  • 6

    Arbeit & Beruf

    Gespräche über das berufliche Leben des Patienten

  • 7

    Wichtige Beziehungen

    Der Fokus liegt auf den bedeutsamen persönlichen Beziehungen des Patienten

  • 8

    Intimität & Sexualität

    Wenn diese Themen in der Sitzung auftauchen

  • 9

    Neue Ideen

    Gemeinsames Erkunden neuer Perspektiven oder Denkweisen

  • 10

    Lebensziele

    Was der Patient im Leben erreichen möchte

  • 11

    Ideale & Werte

    Die Maßstäbe und Ideale, an denen der Patient sich orientiert

  • 12

    Religion & Spiritualität

    Wenn diese Dimensionen des Lebens ins Gespräch kommen

Die 24 Antwortmöglichkeiten

Für jede Situation stehen 24 Antwortmöglichkeiten zur Verfügung, aufgeteilt in zwei Spalten. Die linke Spalte spiegelt eine eher positive Erfahrung der Atmosphäre wider, die rechte eine eher herausfordernde. Beide sind klinisch gleichwertig: Antworten aus der herausfordernden Spalte können besonders aufschlussreich sein und auf Bereiche hinweisen, die in der therapeutischen Arbeit besondere Aufmerksamkeit verdienen.

Beispielantworten — dieselben 24 Optionen gelten für alle 12 Situationen
a+) Direkt und offen a a−) Aggressiv und fordernd
b+) Geerdet und beruhigend b b−) Schwer und langsam
c+) Gedanken anregend c c−) Chaotisch und sprunghaft
d+) Fürsorglich und nährend d d−) Emotional klammernd
e+) Zuversichtlich und fröhlich e e−) Überheblich und arrogant

Der vollständige Satz aller 24 Optionen ist im herunterladbaren Fragebogen enthalten.

Auswertung und Verteilungsmatrix

Die 24 Antwortmöglichkeiten sind nach vier archetypischen Temperamentskategorien gegliedert — cholerisch, melancholisch, sanguinisch und phlegmatisch — mit je drei positiven und drei herausfordernden Ausdrucksformen pro Kategorie. Nach dem Ausfüllen werden die Antworten ausgezählt und in eine Verteilungsmatrix eingetragen, die dem Therapeuten einen Überblick über die vorherrschenden archetypischen Qualitäten der Beziehung gibt. Dies ist keine Diagnose, sondern ein qualitatives Profil, das besonders aussagekräftig wird, wenn die Ergebnisse des Patienten neben jenen des Therapeuten gelegt werden. Die Auswertung wird ausschließlich vom Therapeuten vorgenommen — für beide Fragebögen.

Versionen

FIRA-P, FIRA-T und FIRA-C

Der FIRA ist in drei parallelen Versionen verfügbar, jede auf eine bestimmte Perspektive und einen bestimmten klinischen Kontext zugeschnitten.

FIRA-P

Für Patienten

Fragt den Patienten, wie er die Beziehung zu seinem Therapeuten erlebt. Alle 12 Situationen sind aus der Perspektive des Patienten formuliert.

FIRA-T

Für Therapeuten

Fragt den Therapeuten nach seiner eigenen Erfahrung der Beziehung mit dem Patienten. Strukturell identisch mit dem FIRA-P; die Formulierungen spiegeln durchgehend die Perspektive des Therapeuten wider.

FIRA-C

Für Paare

Für die Anwendung mit Paaren konzipiert, die mit dem FIRA lernen, die Erfahrung des Partners in ihrer gemeinsamen Beziehung besser zu verstehen — von der Atmosphäre in der Beziehung bis hin zu verborgenen Mustern.

Der klinische Wert des FIRA entfaltet sich am vollständigsten, wenn die Versionen für Patienten und Therapeuten gemeinsam eingesetzt werden. Der direkte Vergleich der beiden Ergebnissätze zeigt unmittelbar, inwieweit die beiden Erfahrungen der gemeinsamen Beziehung übereinstimmen oder voneinander abweichen. Solche Diskrepanzen sind zu erwarten und deuten nicht auf eine problematische Beziehung hin — im Gegenteil können sie sehr aufschlussreich sein und auf Bereiche hinweisen, die eine nähere Betrachtung im therapeutischen Prozess verdienen.

Wenn der FIRA ergibt, dass ein Patient bestimmte Situationen als belastend erlebt hat — vielleicht als Erinnerung an traumatische Ereignisse oder unerfüllte emotionale Bedürfnisse — kann eine sorgfältig gewählte Besprechung der Ergebnisse dazu beitragen, diese Bereiche sichtbar zu machen und ihnen in der Therapie eine Stimme zu geben. Das eigene FIRA-Profil des Therapeuten kann ebenso aufschlussreich sein: Es unterstützt die fortwährende Arbeit an eigenen blinden Flecken und Gegenübertragungsreaktionen, die sonst unterhalb der Bewusstseinsschwelle blieben.

Klinische Hinweise

Wann der FIRA eingesetzt wird

Der FIRA eignet sich am besten für laufende Therapien, in denen bereits eine solide therapeutische Beziehung aufgebaut wurde. Eine Mindestanzahl an Sitzungen ist erforderlich, damit sowohl Patient als auch Therapeut ein realistisches, erfahrungsbasiertes Bild voneinander und von der Beziehung zwischen ihnen entwickeln konnten. Nicht alle 12 archetypischen Situationen müssen bereits im klinischen Setting vorgekommen sein, bevor der Fragebogen ausgefüllt wird — wohl aber sollten beide in der Lage sein, sich die beschriebenen Szenarien imaginativ vorzustellen.

Der FIRA eignet sich für Patienten, die Zugang zu ihrer emotionalen Erfahrung haben, bereit sind, die therapeutische Beziehung eingehend zu reflektieren, und eine Behandlung von ausreichender Dauer durchlaufen. Er ist nicht geeignet für Kurzzeittherapien oder stark strukturierte therapeutische Formate sowie für Patienten, die noch nicht in der Lage sind, ihre emotionalen Zustände im klinischen Rahmen wahrzunehmen, zu erinnern und zu reflektieren.

Der wiederholte Einsatz des FIRA im Verlauf einer längeren Behandlung kann besonders wertvoll sein: Er spiegelt tiefere Veränderungen in der Beziehung wider, die stattgefunden haben, und unterstreicht die therapeutische Arbeit, die geleistet wurde.

Wissenschaftlicher Hintergrund

Die Forschung hinter dem FIRA

Der FIRA wurde in Thomas de la Fuentes Magisterarbeit vorgestellt, die im August 2025 an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien eingereicht wurde. Die Studie sichtet neun etablierte Instrumente zur Erfassung der therapeutischen Beziehung — darunter den Helping Alliance Questionnaire (HAQ), das Working Alliance Inventory (WAI), das Agnew Relationship Measure (ARM) und die Scale to Assess the Therapeutic Relationship (STAR) — und zeigt die Grenzen ihrer überwiegend quantitativen Ausrichtung auf.

Auf der Grundlage der theoretischen Arbeit von Nathan Schwartz-Salant und des Composit-Konzepts nach Liz Greene stellt die Arbeit den FIRA als neuartigen qualitativen Ansatz zur Charakterisierung der therapeutischen Beziehung vor. Jede Nutzung des FIRA im klinischen oder akademischen Kontext ist ausdrücklich willkommen.

A Novel Instrument to Capture the Specific Qualities of a Therapy Relationship Introducing the FIRA · Magisterarbeit · Thomas de la Fuente · SFU Wien, 2025 · PDF (Englisch)
Kostenlose Downloads

Fragebogen

Alle Versionen des FIRA sind kostenlos erhältlich. Aktuelle Version: v. 0.6.

Alle FIRA-Materialien sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen für die klinische Praxis und die akademische Forschung frei verwendet werden. Änderungen bedürfen der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Autors. Zukünftige Versionen sind möglicherweise nicht mehr zu den aktuellen Bedingungen verfügbar. Anfragen und Rückmeldungen: thomas@delafuente.at

Fragen oder Rückmeldungen?

Der FIRA befindet sich in einem frühen Entwicklungsstadium. Rückmeldungen zu allen Aspekten — insbesondere zum Auswertungsabschnitt — sind herzlich willkommen.

In der Praxis

So wird der FIRA eingesetzt

Die Handhabung des FIRA ist unkompliziert. Die folgenden vier Schritte beschreiben einen typischen Einsatz in einer laufenden Therapie.

  • 1

    Unabhängig ausfüllen

    Patient und Therapeut füllen ihren jeweiligen Fragebogen separat und ohne vorherige Absprache aus — der FIRA-P für den Patienten, der FIRA-T für den Therapeuten. Beide behandeln dieselben 12 archetypischen Situationen, jeder aus seiner eigenen Perspektive. Der Patient kann den Fragebogen im Wartezimmer oder zu Hause zwischen den Sitzungen ausfüllen.

  • 2

    Auswerten und eintragen

    Der Therapeut wertet beide Fragebögen aus, zählt die Antworten nach den vier Temperamentskategorien — cholerisch, melancholisch, sanguinisch und phlegmatisch — und trägt die Gesamtwerte in die Verteilungsmatrix auf der letzten Seite ein. Keine Software erforderlich; das Auswertungsblatt ist im Fragebogen enthalten.

  • 3

    Profile vergleichen

    Die Ergebnisse von Patient und Therapeut werden nebeneinander gelegt. Übereinstimmungen und Abweichungen werden auf einen Blick sichtbar — eine erste Orientierung darüber, wo die beiden Erfahrungen der gemeinsamen Beziehung sich decken und wo sie auseinandergehen. Items mit auffällig unterschiedlichen Antworten verdienen besondere Aufmerksamkeit.

  • 4

    In der Sitzung erkunden

    Wenn der Moment günstig erscheint, bringt der Therapeut die Ergebnisse in das therapeutische Gespräch ein. Abweichungen können zum Ausgangspunkt für das werden, was bisher unausgesprochen blieb; Übereinstimmungen bieten Bestätigung und Halt. Der FIRA schreibt nicht vor, was mit den Ergebnissen zu tun ist — er öffnet Terrain, das sonst vielleicht unentdeckt geblieben wäre.