Der FIRA Fragebogen
Das Fuente Interpersonal Relationship Assessment ist ein neuartiges klinisches Werkzeug zur Charakterisierung der emotionalen Atmosphäre in der therapeutischen Beziehung — entwickelt für die klinische Reflexion, Supervision und Forschung.
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Was ist der FIRA?
Die meisten bestehenden Instrumente zur Erfassung der therapeutischen Beziehung teilen eine gemeinsame Grundannahme: Sie fragen danach, ob eine bestimmte Beziehung dem therapeutischen Ergebnis zuträglich ist, und liefern ein quantitatives Maß dafür, wie förderlich sie für den Patienten sein könnte. Dieser Ansatz hat seine Berechtigung, lässt jedoch viele qualitative Nuancen unberücksichtigt.
Der FIRA geht einen anderen Weg. Anstatt die therapeutische Beziehung an einem Ergebnismaß zu messen, nutzt er archetypische Situationen, die sich im Behandlungsraum manifestieren können, und fragt sowohl den Patienten als auch den Therapeuten nach ihrer Wahrnehmung der Atmosphäre in diesen Momenten. Aus einer Auswahl von 24 archetypischen Beschreibungen können beide Seiten die Stimmung im Raum charakterisieren.
Der FIRA ermöglicht Therapeuten dreierlei:
Selbstreflexion des Therapeuten. Die eigene Erfahrung der therapeutischen Beziehung in Worte zu fassen ist in der zeitgenössischen Psychotherapie keineswegs selbstverständlich. Analytisch orientierte Praktiker greifen auf Übertragungs- und Gegenübertragungsreaktionen zurück, doch selbst diese Gruppe wird selten die Atmosphäre zwischen sich und dem Patienten in den Mittelpunkt stellen — die qualitativen Aspekte der Beziehung an sich.
Gemeinsame Erfahrung erfassen. Der FIRA hilft dem Therapeuten einzuschätzen, inwieweit der Patient die Erfahrung der therapeutischen Beziehung teilt. Die Erwartung ist nicht, dass beide Seiten identische Ergebnisse liefern, wenn die Behandlung gut verläuft. Vielmehr können die im FIRA sichtbar werdenden Unterschiede dazu beitragen, den Patienten besser zu verstehen und unbewusste Beziehungsdynamiken ans Licht zu bringen.
Schwierige Beziehungserfahrungen sichtbar machen. Der Patient — oder auch der Therapeut — mag bestimmte Situationen im klinischen Setting als unangenehm oder beunruhigend erlebt haben: als Erinnerung an traumatische Ereignisse, verletzende Beziehungsmuster oder schwierige Gefühle wie Schuld, Bedauern oder Scham. Der FIRA kann solche Erfahrungen dort sichtbar machen, wo sie sonst unbemerkt geblieben wären.
Anstatt eine Beziehung als etwas zu verstehen, das zwei Menschen einander antun, begann ich, sie als ein Feld zu begreifen, in das beide eintreten — und das ihre Prozesse bewegt und formt, sowohl einzeln als auch gemeinsam. Nathan Schwartz-Salant
Die therapeutische Beziehung als „Dritter Bereich"
Der FIRA gründet auf einem bestimmten Verständnis der therapeutischen Beziehung: dass sie mehr darstellt als die Summe ihrer zwei Beteiligten. In Anlehnung an die Arbeit des Jungianer Nathan Schwartz-Salant begreift der FIRA die Beziehung zwischen Therapeut und Patient als ein „interaktives Feld" — einen gemeinsamen, liminalen Raum mit eigenen Qualitäten, in dem Transformationsprozesse stattfinden können.
Diese Vorstellung von der Beziehung als einer „dritten Entität" — unabhängig von jedem der beiden Beteiligten — findet eine bemerkenswerte Entsprechung im Konzept des astrologischen Composit, wie es die Psychoanalytikerin und Astrologin Liz Greene entwickelt hat. Ihre Charakterisierung des Composit erfasst die archetypischen Qualitäten des Raumes zwischen zwei Menschen und behandelt die Beziehung selbst als eigenständige Einheit mit eigenem Charakter. Sowohl Schwartz-Salant als auch Greene betrachten diesen „dritten Bereich" als den Ort, an dem persönliche Transformation möglich wird — für beide Beteiligten.
Diese theoretischen Grundlagen bilden das Fundament der dem FIRA zugrunde liegenden Studie. Durch die Anwendung archetypischer Prinzipien aus diesem Rahmen ermöglicht der FIRA eine nuancierte, qualitative Charakterisierung der spezifischen Atmosphäre einer therapeutischen Beziehung — ohne sie auf eine einzige Kennzahl oder eine Ergebnisprognose zu reduzieren.
Wie der FIRA funktioniert
Der FIRA stellt 12 archetypische klinische Situationen vor. Für jede davon wählen Patient und Therapeut unabhängig voneinander die Antwort, die die Atmosphäre am besten trifft, die sie mit dieser Art von Moment im Behandlungsraum verbinden.
Die 12 Situationen
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1
Lebhafter Austausch
Wenn Therapeut und Patient in lebhaftem Gespräch miteinander stehen
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2
Wichtige Werte
Wenn darüber gesprochen wird, was dem Patienten im Leben wichtig ist
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3
Humorvoller Austausch
Momente des Scherzes und der Leichtigkeit in der Therapie
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4
Familie
Gespräche über die Herkunftsfamilie oder die aktuelle Familie des Patienten
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5
Alltag
Hobbys, Kinder und die Textur des täglichen Lebens
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6
Arbeit & Beruf
Gespräche über das berufliche Leben des Patienten
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7
Wichtige Beziehungen
Der Fokus liegt auf den bedeutsamen persönlichen Beziehungen des Patienten
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8
Intimität & Sexualität
Wenn diese Themen in der Sitzung auftauchen
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9
Neue Ideen
Gemeinsames Erkunden neuer Perspektiven oder Denkweisen
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10
Lebensziele
Was der Patient im Leben erreichen möchte
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11
Ideale & Werte
Die Maßstäbe und Ideale, an denen der Patient sich orientiert
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12
Religion & Spiritualität
Wenn diese Dimensionen des Lebens ins Gespräch kommen
Die 24 Antwortmöglichkeiten
Für jede Situation stehen 24 Antwortmöglichkeiten zur Verfügung, aufgeteilt in zwei Spalten. Die linke Spalte spiegelt eine eher positive Erfahrung der Atmosphäre wider, die rechte eine eher herausfordernde. Beide sind klinisch gleichwertig: Antworten aus der herausfordernden Spalte können besonders aufschlussreich sein und auf Bereiche hinweisen, die in der therapeutischen Arbeit besondere Aufmerksamkeit verdienen.
Der vollständige Satz aller 24 Optionen ist im herunterladbaren Fragebogen enthalten.
Auswertung und Verteilungsmatrix
Die 24 Antwortmöglichkeiten sind nach vier archetypischen Temperamentskategorien gegliedert — cholerisch, melancholisch, sanguinisch und phlegmatisch — mit je drei positiven und drei herausfordernden Ausdrucksformen pro Kategorie. Nach dem Ausfüllen werden die Antworten ausgezählt und in eine Verteilungsmatrix eingetragen, die dem Therapeuten einen Überblick über die vorherrschenden archetypischen Qualitäten der Beziehung gibt. Dies ist keine Diagnose, sondern ein qualitatives Profil, das besonders aussagekräftig wird, wenn die Ergebnisse des Patienten neben jenen des Therapeuten gelegt werden. Die Auswertung wird ausschließlich vom Therapeuten vorgenommen — für beide Fragebögen.
FIRA-P, FIRA-T und FIRA-C
Der FIRA ist in drei parallelen Versionen verfügbar, jede auf eine bestimmte Perspektive und einen bestimmten klinischen Kontext zugeschnitten.
Für Patienten
Fragt den Patienten, wie er die Beziehung zu seinem Therapeuten erlebt. Alle 12 Situationen sind aus der Perspektive des Patienten formuliert.
Für Therapeuten
Fragt den Therapeuten nach seiner eigenen Erfahrung der Beziehung mit dem Patienten. Strukturell identisch mit dem FIRA-P; die Formulierungen spiegeln durchgehend die Perspektive des Therapeuten wider.
Für Paare
Für die Anwendung mit Paaren konzipiert, die mit dem FIRA lernen, die Erfahrung des Partners in ihrer gemeinsamen Beziehung besser zu verstehen — von der Atmosphäre in der Beziehung bis hin zu verborgenen Mustern.
Der klinische Wert des FIRA entfaltet sich am vollständigsten, wenn die Versionen für Patienten und Therapeuten gemeinsam eingesetzt werden. Der direkte Vergleich der beiden Ergebnissätze zeigt unmittelbar, inwieweit die beiden Erfahrungen der gemeinsamen Beziehung übereinstimmen oder voneinander abweichen. Solche Diskrepanzen sind zu erwarten und deuten nicht auf eine problematische Beziehung hin — im Gegenteil können sie sehr aufschlussreich sein und auf Bereiche hinweisen, die eine nähere Betrachtung im therapeutischen Prozess verdienen.
Wenn der FIRA ergibt, dass ein Patient bestimmte Situationen als belastend erlebt hat — vielleicht als Erinnerung an traumatische Ereignisse oder unerfüllte emotionale Bedürfnisse — kann eine sorgfältig gewählte Besprechung der Ergebnisse dazu beitragen, diese Bereiche sichtbar zu machen und ihnen in der Therapie eine Stimme zu geben. Das eigene FIRA-Profil des Therapeuten kann ebenso aufschlussreich sein: Es unterstützt die fortwährende Arbeit an eigenen blinden Flecken und Gegenübertragungsreaktionen, die sonst unterhalb der Bewusstseinsschwelle blieben.
Wann der FIRA eingesetzt wird
Der FIRA eignet sich am besten für laufende Therapien, in denen bereits eine solide therapeutische Beziehung aufgebaut wurde. Eine Mindestanzahl an Sitzungen ist erforderlich, damit sowohl Patient als auch Therapeut ein realistisches, erfahrungsbasiertes Bild voneinander und von der Beziehung zwischen ihnen entwickeln konnten. Nicht alle 12 archetypischen Situationen müssen bereits im klinischen Setting vorgekommen sein, bevor der Fragebogen ausgefüllt wird — wohl aber sollten beide in der Lage sein, sich die beschriebenen Szenarien imaginativ vorzustellen.
Der FIRA eignet sich für Patienten, die Zugang zu ihrer emotionalen Erfahrung haben, bereit sind, die therapeutische Beziehung eingehend zu reflektieren, und eine Behandlung von ausreichender Dauer durchlaufen. Er ist nicht geeignet für Kurzzeittherapien oder stark strukturierte therapeutische Formate sowie für Patienten, die noch nicht in der Lage sind, ihre emotionalen Zustände im klinischen Rahmen wahrzunehmen, zu erinnern und zu reflektieren.
Der wiederholte Einsatz des FIRA im Verlauf einer längeren Behandlung kann besonders wertvoll sein: Er spiegelt tiefere Veränderungen in der Beziehung wider, die stattgefunden haben, und unterstreicht die therapeutische Arbeit, die geleistet wurde.
Die Forschung hinter dem FIRA
Der FIRA wurde in Thomas de la Fuentes Magisterarbeit vorgestellt, die im August 2025 an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien eingereicht wurde. Die Studie sichtet neun etablierte Instrumente zur Erfassung der therapeutischen Beziehung — darunter den Helping Alliance Questionnaire (HAQ), das Working Alliance Inventory (WAI), das Agnew Relationship Measure (ARM) und die Scale to Assess the Therapeutic Relationship (STAR) — und zeigt die Grenzen ihrer überwiegend quantitativen Ausrichtung auf.
Auf der Grundlage der theoretischen Arbeit von Nathan Schwartz-Salant und des Composit-Konzepts nach Liz Greene stellt die Arbeit den FIRA als neuartigen qualitativen Ansatz zur Charakterisierung der therapeutischen Beziehung vor. Jede Nutzung des FIRA im klinischen oder akademischen Kontext ist ausdrücklich willkommen.
Fragebogen
Alle Versionen des FIRA sind kostenlos erhältlich. Aktuelle Version: v. 0.6.
So wird der FIRA eingesetzt
Die Handhabung des FIRA ist unkompliziert. Die folgenden vier Schritte beschreiben einen typischen Einsatz in einer laufenden Therapie.
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1
Unabhängig ausfüllen
Patient und Therapeut füllen ihren jeweiligen Fragebogen separat und ohne vorherige Absprache aus — der FIRA-P für den Patienten, der FIRA-T für den Therapeuten. Beide behandeln dieselben 12 archetypischen Situationen, jeder aus seiner eigenen Perspektive. Der Patient kann den Fragebogen im Wartezimmer oder zu Hause zwischen den Sitzungen ausfüllen.
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2
Auswerten und eintragen
Der Therapeut wertet beide Fragebögen aus, zählt die Antworten nach den vier Temperamentskategorien — cholerisch, melancholisch, sanguinisch und phlegmatisch — und trägt die Gesamtwerte in die Verteilungsmatrix auf der letzten Seite ein. Keine Software erforderlich; das Auswertungsblatt ist im Fragebogen enthalten.
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3
Profile vergleichen
Die Ergebnisse von Patient und Therapeut werden nebeneinander gelegt. Übereinstimmungen und Abweichungen werden auf einen Blick sichtbar — eine erste Orientierung darüber, wo die beiden Erfahrungen der gemeinsamen Beziehung sich decken und wo sie auseinandergehen. Items mit auffällig unterschiedlichen Antworten verdienen besondere Aufmerksamkeit.
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4
In der Sitzung erkunden
Wenn der Moment günstig erscheint, bringt der Therapeut die Ergebnisse in das therapeutische Gespräch ein. Abweichungen können zum Ausgangspunkt für das werden, was bisher unausgesprochen blieb; Übereinstimmungen bieten Bestätigung und Halt. Der FIRA schreibt nicht vor, was mit den Ergebnissen zu tun ist — er öffnet Terrain, das sonst vielleicht unentdeckt geblieben wäre.